Soziale Interaktion bei Autismus-Spektrum-Störungen im Schulalter
Soziale Interaktion bei Autismus-Spektrum-Störungen im Schulalter: Geschlechtsunterschiede in dyadischer Peer-Interaktion (Synchronizität, Blickverhalten und Proxemik) in kooperativen und kompetitiven Kontexten
Professor Veit Roessner und Dr. Nicole Beyer untersuchen in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Technischen Universität Dresden, wie Kinder im Schulalter soziale Interaktionen mit Gleichaltrigen gestalten. Im Mittelpunkt stehen dabei Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und neurotypische Kinder. Um geschlechtsspezifische Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser verstehen zu können, werden Jungen und Mädchen in gleicher Anzahl in die Untersuchung einbezogen. Ziel des Projekts ist es, soziale Interaktionsprozesse differenziert und möglichst objektiv zu erfassen. Dafür werden verschiedene Merkmale betrachtet, die für soziale Begegnungen von Bedeutung sind: die gegenseitige Abstimmung von Verhalten und Bewegungen (Synchronizität), das Blickverhalten sowie die räumliche Distanz und Orientierung der Kinder zueinander.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung von Interaktionen zwischen jeweils zwei Kindern (Peer-Dyaden). Dabei wird analysiert, wie Kinder Kontakt aufnehmen und aufrechterhalten, wie sie auf die Signale ihres Gegenübers reagieren und wie sich Interaktionsmuster im Verlauf einer Begegnung verändern. Die Interaktionen werden sowohl in kooperativen als auch in kompetitiven Aufgaben untersucht, um zu verstehen, wie unterschiedliche Rahmenbedingungen das soziale Verhalten beeinflussen.
Das Projekt betrachtet soziale Interaktion nicht allein als Ergebnis individueller Fähigkeiten, sondern als gemeinsamen Prozess zwischen zwei Personen. Von Interesse ist daher auch, wie die Zusammensetzung einer Dyade – beispielsweise hinsichtlich Diagnose und/oder Geschlecht – die Interaktion prägt. Darüber hinaus wird untersucht, welche Rollen Kinder innerhalb einer Interaktion einnehmen, etwa ob sie eher initiativ und führend oder eher folgend und anpassend agieren, und ob sich diese Rollen je nach Kontext verändern.
Ergänzend werden die Kinder zu ihrem subjektiven Erleben der Interaktion befragt. Dabei geht es beispielsweise um Freude an der gemeinsamen Aufgabe, wahrgenommene Kompetenz oder erlebte Anstrengung. So können objektiv beobachtbare Verhaltensweisen mit der persönlichen Wahrnehmung der Kinder in Beziehung gesetzt werden.
Langfristig sollen die Ergebnisse dazu beitragen, soziale Interaktionen von Kindern ressourcenorientiert und kontextbezogen zu verstehen. Die gewonnenen Erkenntnisse können genutzt werden, um peer-gestützte Förderangebote weiterzuentwickeln und inklusive Lernsettings im schulischen Alltag gezielter zu gestalten. Zudem können sie helfen, Bedingungen zu identifizieren, die gelingende soziale Interaktionen fördern und die frühzeitige Unterstützung bei Herausforderungen in Peer-Beziehungen ermöglichen.
Insgesamt leistet das von der Hans und Ria Messer Stiftung geförderte Projekt einen Beitrag zu einem vertieften Verständnis sozialer Kompetenz als dynamischem und kontextabhängigem Prozess und schafft eine Grundlage für neurodiversitätsorientierte Förderung und inklusive Bildung.









